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Extrem, extremer und dann?
Foto: iStock.com/sihasakprachum

Mäßigkeit
Extrem, extremer und dann?

Bojan Godina
Dr. phil.

Davo Karničar – Sportler der Welt
Vor einigen Jahren bekam ich eine Biografie von einem Extrembergsteiger  in die Hand, die mein Denken auch über manch andere menschlichen Extremleistungen veränderte. Dieser Mann hatte nicht nur die höchsten Berge erklommen, sondern fuhr sie mit seinen Schiern hinunter! Am 7. Oktober 2000 ist der Slowene Davo Karničar als erster Mensch der Welt den Mount Everest mit den Skiern bis ins Basislager auf 5350 m hinuntergefahren, was bis dahin als absolut unmöglich gegolten hatte. Dies bescherte ihm von Men's Journal für das Jahr 2000 den Titel «Sportler der Welt». Solche und ähnliche risikoreichen Leistungen aus dem Extremsport hatte ich bis dahin, wie viele andere Menschen, als den Wahnsinn lebensmüder, leichtsinniger oder geltungssüchtiger Menschen abgetan. Aber dann begann sich mein Wissenshorizont zu weiten.

An der Universität Heidelberg forschte ich zum Thema «Unsichtbare Religion in den Medien»  und beschäftigte mich intensiv mit unterschwellig religiöser Motivation. Genau zu dieser Zeit las ich die Biografie von Davo und seinen Extremleistungen. Darin fand ich einige von ihm verfasste Gedichte, die mein bisheriges Erklärungsmodell massiv veränderten. Zwei dieser poetischen Äußerungen möchte ich hier zitieren:

•  «Es geht mir nicht um einen Wettkampf, sondern um eine Herausforderung … Ich empfinde, dass der Zeitpunkt gekommen ist, es aufzunehmen. Ich werde es tun, weil ich mich auf das Leben nach dem Everest freue, weil es mir vorkommt, dass danach alles neu beginnen wird …».
Und weiter:
•  «Ich bin hoch in den Bergen. Ich schweife in den Gedanken ab, für einen Augenblick. Ich blicke in meine Seele. Vergänglichkeit … Wie kann ich Teil der Ewigkeit werden? Wie ein Baum … wie der Himmel, wie Träume. Wir sind nur ein Augenblick im Mondschein der Nacht. Bleich, kurz und oftmals nicht wahrgenommen ist unsere Spur. Und wenn wir in dieser Nacht die Sehnsucht spüren, müssen wir alles tun, um sie zu verwirklichen.»

Wenn man solche Aussagen genauer untersucht, drängt sich einem der Eindruck auf, dass es sich hierbei um eine Sehnsucht handelt, eine Sehnsucht, aus unserer begrenzten Welt auszubrechen, etwas Ewiges zu erhaschen. Das extreme Bergsteigen übernimmt dabei eine Symbolfunktion dieser inneren Wünsche und Sehnsuchts-Dynamiken.

Weil mich meine neu gewonnene Erklärungshypothese immer mehr beschäftigte, entschloss ich mich, meinen Landsmann Davo Karničar zu besuchen und mit ihm ein wissenschaftliches Interview zu führen. Davo empfing mich sehr freundlich und stand mir mehrere Stunden zum Interview zur Verfügung, ohne zu wissen, was ich eigentlich untersuchte. Erst nachdem ich durch meine sondierenden Fragen alles Seelische hatte abtasten dürfen, was mich interessierte, verriet ich ihm meine Hypothese, dass es sich bei ihm um unbewusste religiöse Mechanismen handle. Ich sagte ihm, dass, wenn er durch diesen Extremsport bereit sei, sogar seine Frau, seine Kinder und sich selbst zu verlieren, dieser Sport mehr als nur ein Adrenalinkick sei. Es gehe hierbei offensichtlich um etwas Größeres als um Menschen, und zwar um eine Art von unsichtbarer religiöser Sehnsucht, was auch seine Gedichte verrieten. Er widersprach dieser Beobachtung nicht, sondern fand sie äußerst interessant.

 

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