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Optimismus – Die Macht der Zuversicht
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Optimismus
Optimismus – Die Macht der Zuversicht

Annika Looser-Grönroos
Psychosoziale Beraterin, Ehefrau und Mutter

Was verbinden Sie mit Optimismus und welchen Stellenwert hat er in Ihrem Leben? Wenn Sie ein Synonym für «Optimismus» aussuchen müssten, welches würden Sie wählen?

Wenn sich gute Gewohnheiten verankern
Vor mehreren Jahren fing ich an, meine Dankbarkeit schriftlich festzuhalten. Ich nahm mir vor, jeden Tag nach fünf Dingen Ausschau zu halten, für die ich dankbar sein kann. Ich hatte gehört, dass es tatsächlich möglich sei, jeden Tag Neues zu entdecken, und war gespannt, ob dem wirklich so ist. Und ich stellte fest, dass es überhaupt nicht schwierig ist, immer Neues zu finden, und war dadurch noch mehr von dieser Herausforderung begeistert. Nach einigen Monaten versandete leider diese gute Gewohnheit langsam. Doch ich habe gemerkt, dass das Experiment einen bleibenden Effekt hinterlassen hat. Heute noch halte ich aktiv Ausschau nach all dem Positiven, das mir begegnet. Ich erwarte Gutes und kann nur staunen, wie sich diese Annahme immer wieder erfüllt. Könnte es sein, dass wir tatsächlich das erhalten (wahrnehmen), was wir erwarten?

Was ist Optimismus?
Optimismus ist laut Duden die heitere, zuversichtliche und lebensbejahende Grundhaltung, die alles von der besten Seite her betrachtet. Dabei ist der Optimist keineswegs realitätsfremd, denn auch er weiß um die Dornen am Rosenstrauch, doch er entscheidet sich bewusst dafür, seinen Blick auf die Blüten und nicht auf die Dornen zu richten. Zudem wird der Optimismus in der Haltung sichtbar, denn eine optimistische Person erwartet ausdrücklich Positives von der Zukunft. Ein zuversichtlicher Mensch erlebt öfter und mehr positive Emotionen wie Ruhe, Gelassenheit, Enthusiasmus, Freude, Stolz, Zuneigung und Liebe. Zudem ist diese Person mit dem Leben zufrieden, denn sie hat das Gefühl, dass das Leben schön sein kann.

Sehnsucht nach dem Glück
«Das Streben nach Glück» ist nicht nur die Verfilmung der Lebensgeschichte eines Millionärs, der sich seinen Erfolg selbst zuschreibt, sondern auch eine gute Beschreibung unserer Bemühungen. Wir alle arbeiten hart daran, glücklich zu werden. Auch die Wissenschaft beschäftigt sich mit Fragestellungen rund um das Glück. Martin Seligmann verhalf der «Positiven Psychologie» in den 90er Jahren des vergangenen Jahrhunderts zum Durchbruch. Auf empirischem Fundament beschäftigt sich dieses Forschungsgebiet mit dem, was das Leben lebenswert macht, und mit den Eigenschaften und Bedingungen des Wohlbefindens. Ein weiterer Forschungszweig, der sich ebenfalls großer Beliebtheit erfreut, ist die Glücksforschung. Sie untersucht nicht nur, was uns Menschen eigentlich glücklich macht, sondern möchte mit ihren Erkenntnissen auch zur Maximierung des menschlichen Glücks beitragen.

Erfolgreichster Kurs aller Zeiten
Anfang 2018 melden sich beinahe 1200 Studenten an der Yale Universität für einen Psychologiekurs an. Das sind ca. ein Viertel aller Studierenden! Normalerweise schreiben sich 30–40 Studenten für einen Psychologiekurs ein, doch dieses Mal ist, wie gesagt, alles anders. Der Kurs kann nicht in einem normalen Vorlesungssaal unterrichtet werden, sondern findet im Konzertgebäude der Yale Universität statt. Was ist an diesem Kurs so besonders? Der Kurs heißt «The Science of Well-being», frei übersetzt: «Was uns die Wissenschaft über das Wohlbefinden lehrt». Unterrichtet wird er von der Professorin Laurie Santos. Sie lebt mit den Studenten auf dem Campus und stellt fest, dass es einer großen Mehrheit von ihnen nicht gut geht. Sie sind jung und haben das ganze Leben vor sich. Intellektuell gesehen sind sie die absolute Elite und haben es geschafft, sich einen Platz an der Universität ihrer Träume zu ergattern. Man würde meinen, dass sie glücklich sind, aber die Professorin stellt fest, dass ungefähr zwei Drittel von ihnen mit Angstzuständen, mit einem Gefühl der kompletten Überforderung, mit Einsamkeit und mit Depressionen zu kämpfen haben.Da Laurie Santos ein sehr ehrlicher Mensch ist, gibt sie vor sich selber zu, dass auch sie im Moment nicht gerade aufblüht. Also beschließt sie, sich mit dem Thema Glück und Wohlbefinden auseinanderzusetzen. Ein halbes Jahr später startet der Kurs und wird zum beliebtesten aller Zeiten an der Yale Universität. Inzwischen ist diese Vorlesungsserie längst online, und etwa drei Millionen Menschen haben sich eingeschrieben. Das Streben nach Glück ist etwas, wofür wir bereit sind, viel Zeit, Geld und weitere Mittel einzusetzen. Doch oftmals jagen wir dabei den großen Lebensträumen nach und übersehen Kleinigkeiten, die auf Schritt und Tritt zu unserem Glück beitragen. Die optimistische Sichtweise des Lebens ist eine großartige Unterstützung, denn sie hilft, sowohl Gutes zu erkennen als auch Positives zu erwarten.

Worin liegt der Unterschied?
Wie unterscheiden sich Optimisten von Pessimisten? Um diese Frage zu beantworten, lade ich Sie zu einem Gedankenexperiment ein. Denken Sie sowohl an den optimistischsten als auch an den pessimistischsten Menschen, den Sie kennen. Nun versetzen Sie sich gedanklich in eine stressreiche Alltagssituation und überlegen sich, wie sich die beiden Personen verhalten werden. Wie werden sie die Situation bewerten? Wie wird sich ihre Herangehensweise unterscheiden? Welche Mittel werden sie anzapfen, um die Herausforderung zu bewältigen? Die Ausgangslage ist für beide dieselbe, und trotzdem werden der Optimist und der Pessimist der Situation vermutlich nicht dasselbe abgewinnen können. Wenn Sie das nächste Mal einer Herausforderung gegenüberstehen, fragen Sie sich:

  • Wie könnte aus dieser Situation etwas Positives entstehen?
  • Wie könnte ich als Person, dank dieser Erfahrung, wachsen?

Gesundes Selbstbewusstsein
Selbstwirksamkeit ist ein Konzept der kognitiven Psychologie. Gemeint ist die Überzeugung einer Person, auch herausfordernden Lebenslagen gewachsen zu sein. Dieses Vertrauen in sich selbst bedeutet nicht, dass jemand aus eigener Kraft versucht, alles allein zu schaffen. Zu wissen, wann es richtig und wichtig ist, Hilfe von außen anzunehmen, ist eine wertvolle Stütze. Selbstwirksamkeit ist viel mehr die innere Überzeugung, schwierige Anforderungen souverän bewältigen zu können. Selbstwirksamkeit entsteht beispielsweise durch Erfahrung, durch das Beobachten anderer Menschen, durch Offenheit und die Bereitschaft, Neues zu lernen, und durch Ermutigung aus dem Umfeld. Im Leben begegnen uns Schicksalsschläge, auf die wir wenig bis kaum Einfluss nehmen können. Doch ein optimistischer Mensch nimmt sich, trotz dieser Tatsache, als handelnde Person wahr. Der Optimist übernimmt Verantwortung und gestaltet aktiv sein Leben.

Gewohnheiten eines Optimisten
Manchen Menschen scheint die optimistische Haltung tatsächlich in die Wiege gelegt zu sein. Wie Optimismus entsteht, ist schwer zu ergründen. Er setzt sich aus Erbgut, Umfeld, Erziehung und Schlüsselereignissen zusammen. Dies macht deutlich, dass Optimismus auch gestaltbare und erlernbare Komponenten hat. Hier ein paar Praxistipps:

  • Freuen Sie sich über Kleinigkeiten!
  • Umgeben Sie sich mit positiven Menschen!
  • Helfen Sie jeden Tag jemandem!
  • Sorgen Sie gut für sich selbst! (Sport, Schlaf, Ernährung)
  • Erzählen Sie anderen Menschen von den positiven Dingen Ihres Lebens!
  • Sorgen Sie für eine optimale Ausgangslage! (Beispiel: Planen Sie genügend Zeit ein, um eine Aufgabe erfolgreich und ohne Zeitdruck zu erledigen!)
  • Leben Sie in der Gegenwart, nehmen Sie sich dazu Kinder zum Vorbild!

Optimismus ist Wertschätzung der Kleinigkeiten des Lebens.

Wenn Optimismus nicht (sofort) gelingen will
Menschen mit einer optimistischen Lebenseinstellung leben gesünder, glücklicher, erfolgreicher und länger. Dies wurde in unzähligen Studien nachgewiesen. Doch die Wissenschaft wäre nicht Wissenschaft, wenn gegen diese Erkenntnisse keine Kritik geübt würde, und darum haben andere Forschungsteams festgehalten, dass Optimismus um jeden Preis keineswegs erstrebenswert ist.
In vielen Bestsellern und Motivationsreden werden große Versprechen gemacht, die im Praxistest jedoch oft versagen, denn Veränderung und Wachstum brauchen Zeit. Ein ausgesprochen pessimistischer Mensch wird nicht über Nacht zum zuversichtlichen Optimisten. Auch einem aufgesetzten Optimismus, bestehend aus einzelnen Taten, fehlt das Entscheidende, denn die lebensbejahende Sichtweise muss in der Haltung des Menschen verankert sein. Optimismus kann niemandem aufgezwungen werden, denn durch Druck und Zwang können wir einen anderen Menschen zwar verbiegen, aber niemals nachhaltig verändern. Einem pessimistischen Menschen hilft es viel mehr, wenn wir ihm in seiner Not begegnen und seine Emotionen ernst nehmen.

Die Früchte des Optimismus
«Der Optimist hat nicht weniger oft unrecht als der Pessimist, aber er lebt froher» (Charlie Rivel). Optimisten haben nicht ein besseres Leben mit weniger Schmerz, Leid und Niederlagen, dennoch sind sie glücklicher. Doch bei ihrem Glück ist die Reihenfolge das Entscheidende: Nicht Erfolg macht glücklich, sondern glückliche Menschen sind erfolgreich.

 

 

 

 

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