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Auf Kurs?
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Prioritäten
Auf Kurs?

Grundschulzeit. Schwimmkurs in den Ferien. Unsere Klasse fuhr mit zwei Sportlehrern täglich in die Nachbarstadt ins Freibad. Ziel für jeden von uns: das Schwimmabzeichen.

Matthias Müller
Pastor in Rente

Nach Trockenübungen auf der Wiese ging es in das grüne Nichtschwimmerbecken. Dort übte jeder ein paar Tage. Dann rief einer der Sportlehrer den einen oder die andere hinüber ins große, blaue Schwimmerbecken. Wer dorthin gerufen wurde, hatte es geschafft. Er oder sie konnte inzwischen so gut schwimmen, dass die Lehrer ihm oder ihr den Aufenthalt im Schwimmerbecken zutrauten. Ziel erreicht.

«Du lernst es nie!»
Ich allerdings blieb im Nichtschwimmerbecken, tagein, tagaus. Eines Tages schaute einer der Sportlehrer mir kurz zu, beugte sich über den Beckenrand und sagte: «Du lernst es nie!», sprach’s aus und ging. Das saß. Pädagogische Meisterleistung! Was sollte ich tun? Aufgeben und ein wenig plantschen, bis der Kurs vorüber ist? Ich entschied mich, trotz des vernichtenden Urteils weiterzumachen. Wenn ich nun schon mal hier bin, mache ich auch meine Übungen, so gut ich eben kann, und werde zumindest etwas lernen! Ein, zwei Tage später kam der andere Sportlehrer vorbei und meinte: «Das sieht gar nicht so schlecht aus». Auf ging’s ins blaue Schwimmerbecken! Das Wasser empfing mich mit distanzierter Kühle und schaute mich tiefgründig an. Sicherheitshalber schwamm ich nur am Rand entlang. Dort begleitete mich der Lehrer langsamen Schrittes und ließ mich nicht aus den Augen. Plötzlich ging ich unter. Ich sank, sank, sank und dachte: «Jetzt holt er sicher die lange Stange und wird mich retten.» Nichts dergleichen geschah. Ich sah nach oben. Dort bildete das Licht einen hellen Kreis. Keine Stange, kein Lehrer, keine Rettung. Eine gefühlte Ewigkeit. «Schwimmen!», rief es in mir. Also schwamm ich. Nach oben. Endlich wieder Luft. Der Lehrer beugte sich herab: «Was war denn?» Am Ende des Schwimmlagers bekam auch ich mein Schwimmabzeichen. Ziel erreicht.

Ziel aus der Not geboren
Über 20 Jahre später – ich war längst verheiratet und für kirchliche Jugendarbeit zuständig – erforderten staatliche Vorgaben, dass wir bei Sommer-Freizeiten mit Kindern und Jugendlichen einen Rettungsschwimmer dabeihaben müssten, wenn wir mit ihnen ans Wasser wollten. Aber woher sollten plötzlich all die Rettungsschwimmer kommen? Praktischerweise wäre man selber einer. Also begann ich notgedrungen mit dem Training: Tauchen, Knoten, Schwimmflossen, Sprünge, Übungskämpfe mit einem scheinbar Ertrinkenden. Realistischerweise bleibt festzustellen: Ich war kein Überflieger bei den Schwimmzeiten, aber am Ende hielt ich das Zertifikat in den Händen: Rettungsschwimmer. Meine Kinder ließen sich im Sommerurlaub an der See immer wieder begeistert von Papa «retten».

Was für ein Weg von «Du lernst es nie» zum Rettungsschwimmer! Man kann Ziele erreichen, auch wenn die Voraussetzungen dünn sind. Am Anfang jedoch steht eine Entscheidung. Denn schon das Wort «Ziel» enthält eine Absicht. Ein Ziel ist mehr als ein Wunsch. Einen Wunsch kann man haben und auch wieder aufgeben, weil man sich nun vielleicht etwas anderes wünscht. Ein Ziel möchte man jedoch erreichen, sonst wäre es kein Ziel. Meist braucht es dazu einen Plan und ein gewisses Maß an Entschiedenheit, auf jeden Fall aber Motivation. Dies ist die treibende Kraft, die innere Überzeugung, aus der sich das notwendige Durchhaltevermögen speist. Ohne Konsequenz erreicht man keine Ziele. Jeder weiß das, der schon einmal versucht hat, Körpergewicht abzubauen oder seine Fitness zu verbessern. Unrealistische Ziele helfen genauso wenig wie ein rasches «Sich-Wünschen». Die Flamme der kurzen Begeisterung für ein Ziel verlöscht schnell wieder, wenn der Erfolg auf sich warten lässt. Unvernünftige Erwartungen sind eine Anzahlung auf Enttäuschungen. Ist die Motivation aber groß genug, trägt sie einen bis zum Ziel.

Ein Ja kann auch ein Nein bedeuten
Ein Ziel zu verfolgen bedeutet manchmal, sich nicht nur für dieses Ziel zu entscheiden, sondern zugleich gegen ein anderes. Welches Ziel ist mir wichtiger? Welches hat die größere Bedeutung, welches ist nachhaltiger, welches hat den höheren Wert für mein Leben? Schon der Apostel Paulus schrieb im Neuen Testament über den Durchhaltewillen von Athleten, die vieles aufgeben, was für ihren Sieg im Wettkampf hinderlich wäre.

Im Krankenhaus hatte er meinen Namen und meine Telefonnummer genannt, als man ihn aus dem Ausnüchterungsraum holte. Der Unfall durch Trunkenheit am Steuer war nur der letzte Tropfen im Glas einer benebelten Alkoholikerkarriere. Entgiftung und Entziehungskur lagen bereits hinter ihm. Es hatte nicht lange gehalten. Dabei hatte er vieles, wonach sich Menschen sehnen: Eltern, die ihn unterstützten, Freunde, die ihn schätzten, eine leitende Tätigkeit in der chirurgischen Abteilung eines Krankenhauses, ein geregeltes Einkommen, eine angenehme Wohnung. Aber tief drinnen fraß das Unglück über seine sexuelle Orientierung. So fühlte er sich trotz seiner Freunde häufig allein. Der Schuldenberg wuchs. Die Flasche schien ihm jedoch immer wohlgesinnt, jedenfalls so lange, bis sie ihr hässliches Gesicht zeigte. Nun kannte er nur noch ein Ziel: Seinem Leben ein Ende setzen, indem er sich vor einen Zug wirft. Alle bisherigen Versuche, sich das Leben zu nehmen, waren entweder gescheitert oder er hatte kurz zuvor doch noch Angst bekommen. Jetzt hatte er die Traueranzeige bereits vorbereitet, ebenso die lange Liste derer, die er über sein Dahinscheiden informiert wissen wollte.

Schlechte und gute Ziele
Aber nun hatte ich ihn aus dem Krankenhaus abgeholt. Er saß mir gegenüber, verzweifelt und entschlossen zugleich. Ich fuhr mit ihm durch die große Stadt, in der ich damals wohnte, zeigte ihm all die schönen Dinge, von denen ich wusste, dass er sie eigentlich liebte. Ohne Erfolg. Ich redete mit ihm, betete für ihn – alles in der Absicht, ihn von seinem falschen Ziel abzubringen. Ergebnislos. Ein letzter Versuch: Unweit meiner Wohnung hielt ein christlicher Spezialist für Alkoholkranke Sprechstunden ab, ein gereifter Mann mit Professorentitel, freundlichen Augen und einem großen Herzen. Es war ein sehr offenes, grundehrliches Gespräch zu dritt. Es schien, als ob meinem Freund während dieses Gesprächs Last um Last abgenommen würde. Der Professor rief in unserem Beisein ein Spezialkrankenhaus an und reservierte ein Bett für eine erneute Entgiftung. Damit stand ein neues, sehr konkretes Ziel im Raum. Ein gutes Ziel bedeutet zugleich Hoffnung, zumal in einer solchen Situation. Am Schluss des Gesprächs gab es eine herzliche Umarmung. Mein Freund verabschiedete sich mit «Vielen Dank, Herr Professor!» Der antwortete: «Ach, lass das ‹Professor›!» Was für ein Augenblick! Hier wurde ein neuer Lebensabschnitt verheißungsvoll begonnen.

Vor einiger Zeit bekam ich eine Grußkarte: «Herzlichen Dank. Seit 20 Jahren trocken!» Er hatte andere, bessere Ziele gefunden als das tödliche Bahngleis.

«Wat haste jemacht mit dein‘ Leben?»
1930 verfasste Carl Zuckmayr in seinem österreichischen Domizil die Komödie «Der Hauptmann von Köpenick» nach einer historischen Vorlage. Sie spielt in Berlin, ist mehrfach verfilmt und von den Nationalsozialisten verboten worden, unter anderem, weil sie Antisemitismus und sklavischen Militarismus mit dessen Uniformen-Wahn aufs Korn nimmt. Im Verlauf der Handlung fragt Hauptfigur Wilhelm Voigt in bestem Berliner Dialekt: «Wat haste jemacht mit dein‘ Leben?» und antwortet sinngemäß, dass er bislang über das Flechten von Fußmatten im Gefängnis nicht hinausgekommen sei. Dabei hat er doch bessere Ziele, die er, wenn auch auf kuriose Weise, in der Komödie zumindest ansatzweise erreicht. Seine Frage ist mir immer wieder nachgegangen: «Wat haste jemacht mit dein‘ Leben?»

William Barclay schrieb: «Es gibt zwei besondere Tage im Leben eines Menschen – den Tag, an dem man geboren wird, und den Tag, an dem man entdeckt, warum.» Damit weist er auf die große Frage nach dem Lebensziel.

Wie löst man ein Labyrinth-Rätsel am effizientesten? Indem man von hinten, also vom Ziel her, anfängt. Das ist vielleicht auch für unser Leben keine schlechte Idee. Versuchen wir, uns darüber klar zu werden, warum wir auf dieser Welt sind. Wo möchten wir letztlich ankommen? Was verleiht unserem Leben Wert? Dinge zu besitzen ist schön, sich für die Welt einzusetzen auch. Am schönsten ist es wohl, Menschen auf ihrer Lebensreise beizustehen.




 

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