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Alles in Bewegung – unser Körper, einfach zum Staunen
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Bewegung
Alles in Bewegung – unser Körper, einfach zum Staunen

Dr. med. univ. Manuel Reinisch
Humanmedizin

«Stillstand ist Rückschritt und der erste Schritt ins Grab.» In vermutlich ungeahnter Weise trifft dieser aus dem Unternehmertum von Reinhold Würth bekannte Spruch auf den menschlichen Körper zu. Es ist faszinierend zu entdecken, wie sich Zellen und Organe rund um die Uhr beinahe unermüdlich in Bewegung befinden.


Unsichtbare Bewegung
Die kleinsten Bausteine des menschlichen Körpers, wie Ziegel bei einem Haus, sind die Zellen. Mehrere Zellen bilden ein Gewebe und mehrere Gewebe in spezieller Kombination und Anordnung bilden ein Organ. Ein Mensch besteht in Summe aus rund 100 Billionen Zellen, das ist eine Eins mit 14 Nullen. Es ist nicht verwunderlich, dass sich bereits auf zellulärer Ebene ein recht bewegter Alltag entdecken lässt. Selbst wenn wir schlafen, wird innerhalb der Zellen fleißig gearbeitet.
Die Zelle lässt sich einfach erklären, wenn man sie mit einem Pfirsich vergleicht. Die Zellmembran hält die Zelle, wie die Haut den Pfirsich, zusammen. Wissenschaftler haben herausgefunden, dass die Mehrheit der von der Zelle produzierten Energie dafür verwendet wird, den Import und Export von Mikrobestandteilen zu regulieren und zu kontrollieren. Die Zellen achten sehr sorgfältig da­rauf, was und vor allem wie viel sie durch die Membran hinein- oder herauslassen. Dafür gibt es hochspezialisierte Membranproteine, die sich ein gesamtes Zellleben hinweg nur um diese eine Aufgabe kümmern. Die Lebenserwartung von Zellen ist dabei ziemlich unterschiedlich. Während zum Beispiel Nervenzellen ein Menschenleben lang überdauern, beträgt die durchschnittliche Lebenserwartung einer Knochenzelle rund 20–30 Jahre und die einer Dünndarmzelle gerade mal 1,4 Tage.
Der Zellkern ist ähnlich wie ein Pfirsichkern recht groß. Er enthält die Gene, welche den Aufbau und die Tätigkeit der gesamten Zelle festlegen. Laufend werden diese Baupläne abgelesen und für die Produktion von Zellbestandteilen oder Exportgütern verwendet.
Den volumenmäßig größten Teil bildet jedoch das Zellplasma – wie das Fruchtfleisch beim Pfirsich. Dort befinden sich komplexe Eiweiße, die für Dinge wie Energieerzeugung, Abwehrbekämpfung, Produktion, Transport, Zellstabilität und vieles mehr zuständig sind. Der Arbeitsalltag einer Zelle ist ein schier bodenloses Forschungsfeld. Bis heute gibt es regelmäßig Medizin-Nobelpreise für neue Entdeckungen über die Funktionsweisen der Zellen.
Überaus beeindruckend ist auch, dass sich Zellen durch Teilung vermehren. Die Gene im Zellkern werden dafür verdoppelt und dann zu gleichen Teilen auf die beiden Tochterzellen aufgeteilt. Manche Zellen vermehren sich sehr häufig, andere nur sehr selten. Während Sie gerade diesen Satz lesen, starben rund 50.000 Zellen in Ihrem Körper und wurden durch neue ersetzt.
Von dieser auf zellulärer Ebene rund um die Uhr stattfindenden Bewegung bekommen wir in der Regel recht wenig mit. Die Bewegung, die wir deutlich einfacher sehen und wahrnehmen können, wird zum größten Teil durch die Muskulatur ermöglicht.

Sichtbare Bewegung
Rund 656 Muskeln sind für die Bewegung des Körpers zuständig. Ihre Funktionsweise ist genauso komplex wie ihr mikroskopischer Aufbau. Eine Vielzahl von chemischen, elektrischen und physikalischen Vorgängen läuft innerhalb eines Bruchteils einer Sekunde ab, um eine scheinbar einfache Bewegung zu bewerkstelligen. Im Grunde können Muskelfasern lediglich eine Zugbewegung ausführen und werden daher auch als das kontraktile (zusammenziehende) Organ bezeichnet. Das Wort «Muskel» kommt vom lateinischen Wort «musculus» und bedeutet so viel wie «kleine Maus» – vermutlich deshalb, weil die Form eines zusammengezogenen Muskels unter der Haut an ein Mäuschen erinnert.
Muskeln befinden sich in fast jedem Organ. In den Verdauungsorganen vermischen sie den Nahrungsbrei und transportieren ihn in Richtung Enddarm weiter. Muskelzellen befinden sich auch in den Wänden von Blutgefäßen und regulieren über die Größe des Gefäßdurchmessers den Blutdruck und die Geschwindigkeit des Blutes. Rote Blutkörperchen leben rund 120 Tage lang und legen dabei eine beachtliche Strecke von rund 1600 Kilometern zurück. Zahlreiche, zum Teil recht kleine Muskeln sind vor allem im Gesicht zu finden und ermöglichen über den feinen Ausdruck von Mimik die Verständigung mit Mitmenschen. Der größte Anteil der im Körper vorhandenen Muskulatur hängt am Skelett. Es sind jene Muskeln, mithilfe derer wir uns aktiv bewegen. Der stärkste davon ist der Kaumuskel. Er kann Kräfte bis zu 80 Kilogramm erzeugen.
Das Herz nimmt im Vergleich zur restlichen Muskulatur eine unglaubliche Sonderstellung ein. Während die meisten Muskeln nach einiger Zeit der Beanspruchung ermüden, arbeitet es 24 Stunden am Tag, 7 Tage die Woche und noch dazu ganz ohne Urlaub. Dabei ermüdet es nicht, kann nicht krampfen und besitzt ein eigenes Nervensteuersystem.
Muskeln können sich nicht nur bewegen. Nein, sie wollen und sollen bewegt werden. Denn anders als eine Maschine wird unser Körper durch Bewegung kräftiger. Zudem ist fast nichts anderes mit so zahlreichen Gesundheitsvorteilen behaftet wie regelmäßige Bewegung.

«Beweg dich, und dein Gehirn sagt: Danke»
Unter diesem Titel erschien 2018 ein fantastisches Buch von Dr. Macedonia über den Einfluss von Bewegung auf die körperliche Gesundheit, insbesondere auf das Gehirn. Neurowissenschaftler haben angefangen, den Einfluss von körperlicher Bewegung auf Gehirnzellen zu untersuchen. Es stellte sich heraus, dass die Bewegung unserer Muskeln Proteine erzeugt, die durch den Blutkreislauf in das Gehirn gelangen und dort eine zentrale Rolle in den Mechanismen unserer höchsten Denkprozesse spielen. Sie tragen Namen wie «insulin like growth factor» (IGF-1) und «vascular endothelial growth factor» (VEGF) und bieten eine beispiellose Sicht auf die Geist-Körper-Verbindung. Harvard-Professor Dr. John Ratey hat in seinen Studien herausgefunden, dass sich regelmäßige Bewegung sogar in erster Linie auf das Gehirn auswirkt. Ein schöner, durchtrainierter Körper und kräftige Muskeln sind lediglich ein positiver Nebeneffekt. Wenn Bewegung in Pillenform käme, würde sie auf jeder Titelseite erscheinen, gefeiert als die Blockbuster-Droge des Jahrhunderts. Denn Bewegung hilft bei Bluthochdruck, Diabetes, hohen Fettwerten, Fettleibigkeit, Stressverarbeitung, Depression, Schlafstörungen, Verdauungsproblemen und vielem mehr. Körperliche Bewegung bedeutet dabei nicht, eine extreme Sportart zu betreiben, sondern – wenn möglich 30 Minuten lang, drei- bis viermal die Woche – im Pulsbereich von 70–80 % des Maximalpulses zu trainieren. Bei den meisten Menschen wird dieser Pulsbereich bereits durch flottes Spazierengehen, Gartenarbeit oder Fahrradfahren erreicht. Ab 40 Jahren sollte zusätzlich regelmäßiges Krafttraining für die Stärkung des Bewegungsapparates absolviert werden.

Komplexe Bewegung
Der menschliche Körper ist ein Wunderwerk der Bewegung und an Komplexität kaum zu überbieten. Es ist unglaublich, wie viele Einzelvorgänge – fein koordiniert – zusammenspielen, um scheinbar einfache Abläufe zu ermöglichen. Lachen zum Beispiel bedarf eines Zusammenspiels von rund 17 Muskeln des Gesichts und 80 Muskeln des restlichen Körpers. Vom Zwerchfell angetrieben, schießt die Luft mit bis zu 100 km/h von der Lunge durch den Mund nach außen. Die Beinmuskulatur erschlafft, und der Oberkörper kippt nach vorne. Die Harnblasenmuskulatur entspannt sich, und es kann zu einem ungewollten Verlust von Harn kommen. Aus diesem Grund gibt es die Redensart: «Sich vor Lachen in die Hose machen.»
Klavier spielen, Ball werfen, Tomaten schneiden und zahlreiche weitere Tätigkeiten benötigen eine ähnlich anspruchsvolle Koordination von Nervenimpulsen und Muskelkontraktionen. Wie selbstverständlich viele Bewegungsabläufe vor sich gehen, wird oft erst wahrgenommen und geschätzt, wenn ein Körperteil zum Beispiel unfallbedingt einen Gipsverband benötigt.

Lebenslektion
Nicht nur der Körper, auch das Leben, und damit sind meist die nicht beeinflussbaren Lebensumstände gemeint, befindet sich in Bewegung. Ein bekannter Aphorismus drückt treffend aus, wie wichtig es ist, sich an ständig verändernde Umstände anzupassen: «Wer nicht mit der Zeit geht, muss mit der Zeit gehen.» Morgen oder sogar im nächsten Augenblick kann bereits alles anders sein. Der Verlust eines lieben Menschen, der Arbeitswechsel oder der geografische Umzug in eine neue Wohnumgebung sind einschneidende Veränderungen und verlangen eine grundlegende Anpassung des Denkens und der bisherigen Gewohnheiten. Nicht selten sind damit ungewollte Herausforderungen verbunden. Viele Veränderungen geschehen jedoch schleichend über Jahre hinweg. Der Volksmund spricht gerne davon, dass «alles schneller wird», und meint damit den Fortschritt in Technologie, Gesellschaft und Wirtschaft. Für einige ist die Entwicklung zu langsam, und andere wären am liebsten schon längst ausgestiegen.
Der Umgang mit Veränderung ist nicht einfach. Wandel zu akzeptieren, fällt vielen schwer. Doch ein positiver und optimistischer Zugang, wie ihn der US-amerikanische Theologe, Philosoph und Politikwissenschaftler Reinhold Niebuhr ausdrückt, kann helfen, mit Umstellungen entspannter umzugehen.

 

 

 

 

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